Es nützt nichts, wenn alle A’s gleich aussehen. Oder: Perfektion

Ein Bekannter von mir ist Werkzeugmacher. Dieser Beruf ist mittlerweile ausgestorben. Werkzeugmacher waren in der Metallverarbeitungsindustrie tätig. Der Beruf entstand im Rahmen der Industrialisierung, als neben den üblichen Werkzeugen, die eher grob gearbeitet waren, auch Werkzeuge benötigt wurden, die speziellen Anforderungen standhielten. Sie wurden zum Beispiel in der Messtechnik verwendet und mit einer Präzision von Millimeterbruchteilen gefertigt.

Die Werkzeugmacher der ersten Generationen haben gelernt, diese Werkzeuge mit höchster Perfektion von Hand anzufertigen. Um das tun zu können, benötigt man neben Geschicklichkeit, einer ausgefeilten Fähigkeit, feinmotorisch zu arbeiten und einem guten physikalischen und mathematischen Verständnis vor allen Dingen auch Geduld und Durchhaltevermögen. Ich stelle mir vor, dass die Fertigung eines solchen Werkzeuges besonders zum Ende hin erfordert, dass fein, präzise und ruhig bis zur Perfektion — bis zur Vollendung gearbeitet wird.

Mein Bekannter ist solch ein Werkzeugmacher der ersten Generationen und er ist in vieler Hinsicht ein herausragender Mensch: seine Handschrift ist gestochen scharf und sehr klein. Wenn ich mir die einzelnen Buchstaben ansehe, fällt mir auf, dass alle gleichen Buchstaben auch gleich aussehen. Alle großen A’s sehen beispielsweise gleich aus und auch die Abstände zwischen Buchstaben und Satzzeichen sind sehr präzise gesetzt. Nicht alle Buchstaben innerhalb eines Wortes sind verbunden, es gibt immer eine kleine Lücke zwischen dem großen B und den folgenden Buchstaben dieses Wortes.

Ich habe mir im Juli bei einem Schmiede-Workshop ein Messer gebaut. Das hat zwei Tage gedauert. Ein Tag für die Klinge und ein weiterer Tag für den Griff aus Mirabellenholz. Das Messer ist so lang wie mein Unterarm, die Klinge ist sehr scharf und alles in allem ist es für mein erstes selbst geschmiedetes Messer ganz ordentlich geworden. Vor allem ist es aber eines nicht: perfekt! Der obere Teil der Klinge ist wellig, in der scharfen Seite ist eine Macke, der Griff ist klingenseitig nicht exakt geschnitzt. Das ganze Messer ist vom Schwerpunkt her nicht ausgewogen und zu schwer, um es lange Zeit als Küchenmesser benutzen zu können.

Schmieden ist eine sehr anspruchsvolle, schweißtreibende und anstrengende Arbeit. Ich habe den ganzen Tag mit einem Hammer, der 1 Kilogramm wog, auf einem Stück Stahl herumgehauen. Das Zeitfenster zum Hauen ist sehr klein, denn nur, wenn der Stahl rotglühend ist, kann er bearbeitet werden. Wird er zu lange im Feuer gelassen, kann er brechen und man muss eventuell noch einmal von vorne anfangen. Wenn man einen Tag lang geschmiedet hat, tut einem jeder Muskel im ganzen Körper weh und man kann die Finger nicht mehr richtig bewegen. Ich bin während des Schmiedens immer wieder durch Phasen von Wut und Traurigkeit gegangen und über allem standen die ganze Zeit ungefähr 15 % Angst, dass das Metall im Feuer bricht. Am Ende habe ich mich sehr gefreut. Es ist ein sehr besonderes, schweres, scharfes und gefährlich aussehendes Messer (es ist wichtig für mich, dass es gefährlich aussieht).

In meinem Leben ist mir oft zum Ende hin die Geduld ausgegangen. Ich habe mit viel Begeisterung angefangen und nach 70 % Durchführung schlagartig die Lust verloren und das Ganze zur Seite gelegt. Das waren manchmal aber genau die 30 %, die gefehlt hätten, um das Ergebnis in die Perfektion zu treiben. Die 30 %, die schließlich das Stück aus der großen Masse herausgehoben und es zu einem perfekt und präzise gearbeiteten, nicht mehr optimierbarem Stück aus den Händen einer Meisterin gemacht hätten. In der gesamten Schul- und Ausbildungszeit legten die Lehrer sehr viel Wert auf diese letzten Prozente der Anstrengung und Mühe und ich weiß nicht, wie oft unter meinen Arbeiten Sätze standen wie: „Du hast gut begonnen. Warum hast du nicht bis zum Schluss so perfekt gearbeitet?“

Lange Zeit dachte ich, Perfektion ist erstrebenswert. In der Schule stand in meinem Zeugnis, dass ich kein Durchhaltevermögen habe und solche Sätze wie: „Martina kann, wenn sie will.“ Martina wollte aber erst nicht. Sie hat auch nicht verstanden, warum alle A’s gleich aussehen müssen und deshalb in Schönschrift schlechte Noten bekommen. Es muss einen Zeitpunkt in meinem Leben gegeben haben, wo ich beschloss, dass das, was ich will nicht so wichtig ist wie das, was die anderen wollen. Denn nach den ersten Jahren Fiasko in der Grundschule wendete sich das Blatt und ich war bis zum Abschluss von Schule, Ausbildung und Studium eine sehr gute Schülerin: alle A’s in meinem Leben waren gleich groß!

Ich war davon überzeugt, dass man sich über gute Leistungen Zuneigung und Liebe erkaufen kann. Das hat auch funktioniert. Meine Eltern waren zufrieden mit mir, es gab keinen Ärger, Geld für ein gutes Zeugnis, Anerkennung von Freunden, Bewunderung und Lob. Ich habe die Botschaft unserer modernen Gesellschaft sehr früh verstanden: Ohne Fleiß kein Preis! Erst die Arbeit, dann das Vergnügen! Es gibt keinen Vorteil ohne Mühe! Ohne Mühe bringt man es nicht weit!

Mit dieser Auffassung ging ich auch in die ersten Beziehungen zu Männern. Solange ich nur schön, nett, klug (nicht so klug wie er), umsorgend, interessiert, hingebend und jeden Wunsch erfüllend war, würde er mich doch nicht verlassen? In manchen Beziehungen war ich ohne darüber nachzudenken der Meinung, ich dürfe nur einfach keinen Fehler machen. Es war nicht relevant, was ich wollte, welche Wünsche ich hatte, ob ich glücklich war, was ich dachte, ob ich Lust auf Sex hatte und ob ich in diese Stadt ziehen wollte. Ich war zufrieden mit der Entscheidung, zuzustimmen, mich unterzuordnen und still zu sein.

Diese alte Überlebensstrategie hat einigermaßen gut funktioniert. So lange, bis mein damaliger Mann sich von mir trennte.

Über ein Jahr lang lebte ich alleine, dann sorgten die Typen in ECCO (Earth Coincidence Control Office) dafür, dass ich einen Mann kennen lernte, für den ich mein Herz öffnete. Und es funktionierte nicht mehr. Ich konnte und wollte nicht mehr still sein. Ich wollte sagen, was ich fühle und denke, ich wollte jegliche Form von Nähe verhandeln, ich wollte NEIN sagen, wenn mir danach war, gehen oder bleiben, so wie es sich richtig anfühlte. Mit dem Versuch das alles zu tun, entstanden in mir gewaltige Ängste. Meine Box flippte völlig aus. Ich bewegte mich zum Teil in Richtung Panikattacke, verlor jegliche Erdung und gab mein Zentrum ab. Es schien, als ob es in mir keine einzige Instanz gab, auf die ich mich mehr verlassen konnte.

In einem emotionalen Heilungsprozess konnte ich einen alten Entschluss destillieren, den ich gefasst hatte, als ich im Alter von wenigen Monaten beinahe im Gurt meines Kinderbettes erstickt war. Der Satz heißt: „Wenn ich alleine bin, sterbe ich.“ Ein solcher Heilungsprozess dauert zwischen 30 und 90 Minuten und kann dazu führen, dass das Leben in eine völlig andere Richtung weiterläuft als bisher. In diesem Prozess änderte ich meine Meinung und fasste einen neuen Beschluss: „Ich bin unperfekt und authentisch!“

Die Ängste sind erstmal nicht verschwunden, sie klebten an mir wie Hundekot in einer Profilsohle. Ich schreibe diesen Artikel in einer Art Flüssigzustand, denn ich bin in den letzten Tagen durch einige solcher emotionaler Heilungsprozesse gegangen und es fühlt sich an, als würde es viele Schichten geben, die abgetragen werden müssen. In dem letzten Prozess vor wenigen Tagen kam ich zum ersten Mal an eine Art dicke Eisschicht. Alle Gefühle waren plötzlich verstummt und nicht mehr zugänglich für mich. Ich fühlte mich wie tot. So habe ich wohl den größten Teil meines Lebens verbracht: abgeschnitten von meinen Gefühlen und innerlich erstarrt.

Ich habe den Entschluss gefasst, vorerst keine Waffen mehr zu bauen. Ich habe schließlich ein gefährlich aussehendes Messer und ein Schwert gebaut. Ich habe vor, zukünftig mit der Angst, der Traurigkeit und der Wut zu navigieren. Die Angst lässt mich sehr aufmerksam sein für Kleinigkeiten, lässt mich mutig, wach und bewusst sein, warnt mich und lässt mich auch ohne Augen sehen, was um mich herum geschieht. Die Wut hilft mir, klar zu sein, mich abzugrenzen, JA oder NEIN zu sagen, zu entscheiden, Dinge zu beenden und zu beginnen. Die Traurigkeit zeigt mir, was ich brauche, hilft mir, anderen nahe zu sein, verlangsamt meine Bewegungen und macht mir bewusst, was ich tue. Sie hilft mir, Dinge zu akzeptieren und zu heilen.

Habt ihr schon einmal vom Pareto-Prinzip gehört, es wird auch 80/20-Regel genannt? Diese Regel besagt, dass 80 % der Ergebnisse mit 20 % Aufwand erreicht werden können. Um die restlichen 20 % der Resultate zu schaffen, braucht es einen Aufwand von 80 %. Das bedeutet, der quantitativ größte Teil der Arbeit müsste verwendet werden, um 20 % der Ergebnisse zu erreichen. Ich für mich bin der Meinung, dass es in den allermeisten Situationen ausreichend und in Ordnung ist, 80 % des Ergebnisses zu erreichen. Schließlich ist das Leben irgendwann zu Ende.

Übrigens: Ich traf diesen Mann zum ersten Mal bei den Geratser Wasserfällen im Allgäu. Es war ein heißer Freitagnachmittag und wir saßen auf einer Mauer und ich redete Bullshit. Wir waren beide sehr aufgeregt. Was wir beide nicht kommen sahen, war ein gewaltiges Gewitter. Es zog quasi von jetzt auf gleich in Nullkommanichts am Himmel auf. (Ich gehe davon aus, dass die Typen in ECCO sich gut amüsierten.) Es begann innerhalb von 2 Minuten zu regnen, aber das waren keine normalen Regentropfen. Diese waren so groß wie kleine Frösche. Wer die Geratser Wasserfälle kennt, der weiß, dass man einige Minuten braucht, bis man am Auto ist. Auch wenn man sehr schnell ist, schafft man es nicht unter drei Minuten. Wenn Regentropfen so groß wie kleine Frösche drei Minuten lang auf dich drauf platschen, siehst du danach aus, wie wenn jemand fünf Eimer Wasser über dir ausgeleert hätte. Ich war nass bis auf die Haut, die Haare klebten am Kopf und die Wimperntusche lief über mein Gesicht.

Und plötzlich war alles wunderbar unperfekt…

Warrioress with those bright principles: Clearity, creation, integrity, incouragement and oneness

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